Wer entscheidet, was Strafe ist?

Stellen Sie sich vor, sie möchten mit ihrem Hund ein neues Signal einüben, zum Beispiel einen Superpfiff, der Ihren Hund jederzeit in Windeseile zu Ihnen rasen lässt. Ihr Nachbar hat Ihnen zufällig vor ein paar Tagen erzählt, dass er im Hundeladen ums Eck diese neuen Leckerlis gekauft hat und seine beiden Hunde ganz wild darauf sind. Da für den Superpfiff auch eine entsprechend hochwertige Belohnung her muss, haben Sie sich auch gleich diese Leckerlis geholt. Sie beginnen also mit der Übung: Pfiff – Griff in die Tasche – Leckerli in den Hund. Sie bemerken aber schnell, dass Ihr Hund nicht wirklich viel Gusto auf Ihre angebotene Belohnung hat. Nach dem dritten Versuch kommt er gar nicht mehr wirklich heran, sondern schnüffelt lieber am Wegesrand. Nach einer kleinen Pause entscheiden Sie sich daher, es noch einmal mit den übrig gebliebenen Hundekeksen vom Vortag, die sie zufällig noch in Ihrer Jackentasche gefunden haben, zu versuchen. Pfiff- Griff in die Tasche – altes Hundekeks in den Hund. Und siehe da, nun ist Ihr Hund plötzlich motiviert und mit seiner Aufmerksamkeit ganz bei Ihnen.

Was ist passiert? Sie haben gemerkt, dass die zuerst angebotenen Leckerlis für Ihren Hund keine ausreichende Belohnung dargestellt haben – auch wenn die Hunde Ihres Nachbarn sie super toll fanden. Daher haben sie Sie im Training auch nicht vorangebracht. Ohne zu zögern haben Sie daher zu einer anderen Form der Belohnung gewechselt, von der auch Ihr Hund überzeugt war und womit Sie somit in die gewünschte Richtung weiterarbeiten konnten.

Was bei Belohnungen meistens aus dem Bauch heraus und ganz ohne viel zu Überlegen akzeptiert wird – nämlich, dass nicht derjenige, der die Belohnung austeilt, sondern derjenige, der sie erhält darüber entscheidet, was er als Belohnung empfindet und was nicht (und was somit ein bestimmtes Verhalten bestätigen/bestärken kann und was nicht), verhält sich beim Thema Strafen vielfach ganz anders. Hier stülpen Menschen häufig ihre eigenen Vorstellungen auf andere über – sei es Mensch oder Tier. Behauptungen wie „Das tut dem Hund ja nicht weh“, „das dient nur dazu, mal schnell die Aufmerksamkeit zu erlangen“ oder „das spürt der ja gar nicht“ können das Resultat dieser Einstellung sein.

In Wirklichkeit ist es aber so, dass genauso wie Belohnungen natürlich auch Strafen von jedem Lebewesen unterschiedlich bewertet werden.
Um das Thema weiter auszuleuchten, müssen wir uns zunächst in aller Kürze die Definition von Strafe ansehen – erst einmal ganz unabhängig davon, wie sinnvoll oder nicht sinnvoll der gezielte Einsatz von Strafe im Hundetraining ist. In der Lerntheorie unterscheidet man zwischen zwei Formen der Strafe: positive und negative Strafe. Eine Bestrafung hat immer die Absicht, ein gewisses Verhalten in seiner Häufigkeit und/oder Intensität abnehmen zu lassen. Um dies zu erreichen, kann man entweder einen unangenehmen Reiz auf das Verhalten folgen lassen, das wäre also eine positive Strafe: ich füge einen unangenehmen Reiz hinzu, damit Verhalten XY aufhört. Ein Beispiel: mein Hund bellt, wenn er am Grundstück des am Zaun randalierenden Nachbarhundes vorbeilaufen muss. Ich rucke an der Leine, damit er ruhig ist.

Andererseits kann man ein Verhalten auch dadurch abnehmen lassen, dass man einen vom Hund als positiv wahrgenommenen Reiz entfernt, das wäre eine negative Strafe: ich entferne einen angenehmen Reiz, damit Verhalten XY aufhört. Ein Beispiel: mein Hund kratzt mir beim Streicheln über den Arm. Ich möchte das nicht, höre sofort auf zu Streicheln und entferne mich.
Wichtig ist es auch zu wissen, dass bei beiden Formen der Bestrafung der Hund nur dann eine Verknüpfung zwischen seinem Verhalten und der Strafe machen wird, wenn diese zeitlich sehr nah (also nahezu unmittelbar folgend) beieinander liegen. Ansonsten kann ein Hund keinen klaren Zusammenhang herstellen.

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird unter Strafe oder Bestrafung meistens die positive Strafe, also das Hinzufügen eines unangenehmen Reizes zur Unterbrechung eines Verhaltens verstanden. Bleiben wir im Folgenden bei dieser Bedeutung und beleuchten den Einsatz von positiver Strafe im Hundetraining weiter.

Wer entscheidet über die „Bewertung“ der Strafe?
Zurückgehend auf oben genannte Definition aus der Lerntheorie (deren Prinzipien sich übrigens bei allen Säugetieren inklusive des Menschen als gültig erweisen) ist eine Strafe immer dann eine Strafe, wenn sie bei demjenigen, der bestraft wird, eine Verringerung des bestraften Verhaltens erzeugt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass immer dann, wenn eine Verringerung des Verhaltens beobachtet werden kann, der zugefügte Reiz als Strafe wahrgenommen worden ist. Hiermit zeigt sich deutlich, dass das Überstülpen der eigenen Vorstellungen darüber, was als Strafe gelten kann und was nicht, sehr gefährlich ist. Denn was bestrafend empfunden wird und wie stark ein Strafreiz wahrgenommen wird, ist extrem subjektiv. Genauso wie Menschen sind Hunde hier auch sehr unterschiedlich veranlagt. Manche Hunde sind sehr sensibel, andere robuster. Auch ist die Wahrnehmung bei ein- und demselben Hund nicht permanent gleich, sondern ändert sich zum Beispiel in Abhängigkeit von Alter, Erfahrungen, Tagesverfassung und schließlich auch davon, wie wichtig für den Hund das Verhalten XY (das der Mensch mit Strafe unterbrechen möchte) zum Erreichen eines anderen Ziels gerade ist.

Ein Beispiel aus der Praxis: vor etlichen Jahren hat meine eigene Hündin im Feld eine Katze entdeckt und ist im junghundlichen Eifer zu einer Verfolgungsjagd aufgebrochen. Nach wenigen Metern war diese allerdings zu Ende, bevor ich überhaupt eingreifen konnte. Ein Elektrozaun war im Weg. Meine Hündin lief hinein, stoppte, verharrte kurz und ging dann wieder zu einem normalen Spaziergang über. Sie hatte also durch den Schlag des Elektrozauns von der Jagd nach der Katze abgelassen, war nachher aber nicht weiter von diesem Geschehnis beeindruckt. Von einigen Bekannten weiß ich, dass Ihre Hunde nach einer unleidlichen Bekanntschaft mit einem Elektrozaun später noch tage- bis wochenlang die Stelle, an der sie den Stromschlag erhalten hatten, weitläufig mieden. Diese Hunde haben also den unangenehmen Reiz stärker negativ verknüpft als meine Hündin. Vielleicht, weil sie sensibler waren, vielleicht weil für sie der Reiz nicht mitten in einer so angeregten Situation wie einer Hetzjagd auftrat, sondern einfach nur nebenher beim Schnüffeln – sie waren also in einem anderen hormonellen Ausganszustand. Andererseits gäbe es sicher auch Hunde, die im Jagdeifer so hoch motiviert wären, dass sie ein Stromreiz aus dem Elektrozaun vermutlich nicht wirklich vom Hetzen der Katze abgehalten hätte.

Umgelegt auf Hundetraining bedeutet das ganz klar: es ist völlig egal, welchen Reiz man anwendet um ein Verhalten zu unterbrechen bzw. zu verringern – wenn letzteres beim Hund erreicht wird, hat er den Reiz offensichtlich als Strafe wahrgenommen. Ganz egal, ob ich meinem Hund ein von mir nicht erwünschtes Verhalten durch das Bewerfen mit einem Wattebausch, einer Taschentuchpackung, einer Plastikflasche oder einem Stein abgewöhnen möchte: wenn mein Hund daraufhin das Verhalten einstellt und weniger häufig zeigt als vorher, hat er den Wattebausch oder Stein als Strafe wahrgenommen. Hierbei gibt es überhaupt keinen Interpretationsspielraum.

Strafe gehört doch zum Alltag und zum Lernen dazu?
In der Tat begegnen jedem Tier in seiner Umwelt immer wieder Strafreize – auch solche, die nicht von einem anderen Tier zugefügt werden, sondern aus der unbelebten Umwelt kommen. Über Strafe kann rein theoretisch betrachtet selbstverständlich ein sehr schnelles Lernen stattfinden. Allerdings besteht sogar bei den Strafreizen aus der unbelebten Umwelt, mit denen wir wohl oder übel die ein oder andere Erfahrung im Laufe unseres Lebens machen müssen, immer die Gefahr einer Fehlverknüpfung. Bei dem oben genannten Beispiel mit dem Elektrozaun sehen wir es schon deutlich: Hunde, die nach einem unbeabsichtigten Berühren des Zauns einen Stromschlag erhalten haben und daraufhin die Stelle meiden, an der dies passiert ist, haben offensichtlich nicht verstanden, dass die Gefahr eigentlich von den Zaunlitzen ausgeht, und nicht von der Örtlichkeit.

Wollen wir also die positive Strafe auch im Hundetraining einsetzen, setzen wir uns gewissermaßen in ein Pulverfass. Nicht nur, dass wir vorab nur sehr bedingt einschätzen können, wie dramatisch oder weniger dramatisch ein Hund eine gewisse Form der Bestrafung empfinden wird. Nein, auch womit er den Strafreiz genau verknüpfen wird, ist im Grunde ein komplettes Ratespiel (sogar unter sehr durchdachten Laborbedingungen könnte man es nicht immer zu 100% vorhersagen – vom Alltag brauchen wir gar nicht erst zu sprechen). Auch dass der Hund versteht, wofür er in einem bestimmten Moment überhaupt bestraft wird, ist sehr häufig gar nicht gegeben. Der Einsatz von positiver Strafe kann daher unerwünschtes Verhalten noch um ein Vielfaches intensivieren, anstatt es zu verhindern. Denken Sie zum Beispiel an einen Hund, der immer, wenn er einen anderen Hund sieht, anfängt an der Leine zu toben und dafür gemaßregelt wird. Wenn er die Maßregelung mit dem Artgenossen verknüpft, den er in solchen Situationen ja gerade im Blick hat, wird er in Zukunft eher noch eine stärkere, negative emotionale Reaktion darauf entwickeln, anstatt eine schwächere.
Abgesehen davon wissen wir heute längst, dass Lernen über positive Verstärkung auf lange Sicht weitaus effektiver ist und sowohl zu mehr „Gehorsam“ als auch zu weniger Stressverhalten, Aggression und Problemverhalten führt. Außerdem fördert es das Band zwischen Hund und Halter und führt zu einer vertrauensvolleren Beziehung. (Siehe zum Beispiel hier: https://spca.bc.ca/wp-content/uploads/dog-training-methods-review.pdf)

Wie viel Strafe verträgt ein Hund?
Vermutlich ist es wohl jedem Hundebesitzer schon einmal passiert, dass ihm auf die ein oder andere Weise der Geduldsfaden gerissen ist – manchmal ist dafür auch gar nicht das Verhalten des Hundes der eigentliche Grund – und man dem Hund gegenüber eine eigentlich unfaire Handlung gesetzt hat und vielleicht mal grob an der Leine gezogen hat oder ähnliches. Viele Hunde verzeihen einem so etwas relativ rasch. Im Alltag passiert es außerdem regelmäßig (und häufig ganz unbeabsichtigt), dass Hunde Strafreizen ausgesetzt werden. Ein angeleinter Hund wird zum Beispiel mal in die Leine springen und einen abrupten Stopp erhalten. Aber ein vereinzelter Ausrutscher aus Stress und weil die eigenen Nerven einfach schon zu gespannt waren oder unvorhersehbare Situationen im täglichen Alltag sind etwas ganz anderes als der regelmäßige und ganz bewusste Einsatz von Strafe im Umgang bzw. im Training mit dem Hund. Dadurch wird nicht nur die Beziehung zwischen Hund und Halter nachhaltig zerstört. Wird das Auftreten von Strafen für Hunde im Alltag zu einer Konstante, leben sie zunehmend in einem Dauerzustand von Stress und Angst. Das freie Ausleben von hundetypischem Verhalten wird auf allen Ebenen gehemmt. Der Hund wird viel weniger Eigeninitiativen zeigen, denn er weiß ja häufig nicht, welches Verhalten genau sein Mensch als unerwünscht ansieht (vieles, was für Hunde eigentlich völlig normal ist, kann vom Menschen als ein „schlechtes“ Verhalten angesehen werden) und worauf ein Strafreiz folgen wird. Daher ist es für ihn besser, weniger Verhaltensweisen anzubieten. Oberflächlich betrachtet ist so ein Hund vielleicht gehorsam und perfekt erzogen. Innerlich ist er aber massiv gestresst und in einem enormen emotionalen Ungleichgewicht.
Beim Einsatz von positiver Strafe besteht zusätzlich immer die Gefahr, dass ganz schleichend eine Spirale zu immer stärkeren Strafreizen hin einsetzt. Denn sobald „mildere“ Strafreize nach einigen Wiederholungen ihre Wirkung verloren haben, „muss“ man schließlich den Druck erhöhen, um dasselbe Ziel zu erreichen – so zumindest häufig der (wenn vielleicht auch nicht immer ganz bewusste) Gedankengang des Menschen.

Man könnte zu diesem Thema noch stundenlang weiter schreiben. Unterm Strich bleibt die Botschaft aber immer klar und deutlich: der gezielte und wiederholte Einsatz von positiver Strafe hat im Hundetraining nichts verloren! Die Arbeit auf Basis der positiven Verstärkung ist nicht immer ein Wunderwerk, das nach 1-2 Tagen alle Probleme aus der Welt schafft. Manchmal muss man auch richtig kreativ werden, um bestimmte Hunde dort „abholen“ zu können, wo sie gerade sind. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht auch bei schwierigeren Kandidaten klar der richtige Weg ist. Jeder Hund hat es verdient, am Lernen Spaß zu haben und seinem Besitzer vertrauen zu können!

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