Was sagt mein Hund? Beobachten und Interpretieren mit Hundeverstand!

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der FAIR statt fies Blogparade 2019.

Hunde, die auf die ein oder andere Weise in näherem Kontakt zu Menschen leben, sind häufig wahre Meister im Beobachten und Interpretieren von menschlicher Körpersprache. Umgekehrt sieht es im Vergleich meistens eher traurig aus. Nicht unverständlich, denn schließlich haben Menschen Hunde über Jahrtausende hinweg darauf hin selektiert, möglichst bereitwillig die Bedeutung unserer Signale zu erlernen und entsprechend zu reagieren. Es war bzw. ist also gar nicht nötig, als Mensch genau dasselbe zu leisten. Außerdem hat die unter Menschen übliche verbale Kommunikation die Wichtigkeit der körpersprachlichen Verständigung etwas in den Hintergrund treten lassen, sodass wir vielleicht von vornherein weniger feine Antennen dafür haben müssen als viele andere Spezies, die vorwiegend über Körpersprache kommunizieren.

Als relativ schlechte Beobachter können wir Menschen uns aber in Vielem üben, sodass wir unsere hündischen Familienmitglieder noch besser verstehen und auch richtig interpretieren können. Gewissermaßen schulden wir es unseren Hunden sogar, Zeit in diese Fähigkeiten zu investieren. Denn sie sind extrem wertvoll für eine wirklich vertrauensvolle Beziehung zwischen Mensch und Hund und daher ein sehr wichtiger Bestandteil der Erfüllung eines möglichst glücklichen Hundelebens. Und das wünscht sich doch letztlich jeder Hundemensch für seinen Hund.

Beschreiben statt sofort interpretieren

Ohne Übung fällt es den meisten Menschen sehr schwer, Mimik, Körpersprache oder Verhaltensweisen zu beschreiben, ohne gleichzeitig eine Wertung oder Interpretation zu inkludieren. Und selbst professionelle HundetrainerInnen müssen sich oft an der Nase nehmen, um erst mal nur zu beobachten und beschreiben anstatt von vornherein eine Interpretation im Hinterkopf zu haben.

Was ist mit dem reinen Beschreiben genau gemeint? Am besten stellt man sich vor, man würde ein Lebewesen beobachten, das man noch nie vorher gesehen hat und dessen Biologie man nicht kennt. Man weiß nicht, was es bedeutet, wenn es die Ohren zurücklegt, mit den Pfoten am Boden kratzt oder sich schüttelt. Alles was man daher zunächst machen kann, ist zu beschreiben, was man sieht. Dabei kann man relativ grob bleiben, also zum Beispiel sagen „die Ohren sind zurückgelegt“. Oder man arbeitet sich bis in kleine Details vor und sagt „die Ohrenbasis wird um 110 Grad nach hinten gedreht und bleibt in Folge unbeweglich in dieser Position. Die oval geformte Ohrmuschel wird dabei horizontal nach hinten abgestreckt. Die Ohrmuschel liegt mit direktem Kontakt am Hals des Tieres an“.

Man sieht, dass man sich bei der zweiten Beschreibung als Dritter sehr viel genauer vorstellen kann, wie das Tier gerade aussieht. Es werden viel mehr Details erwähnt, die für eine spätere Interpretation des Verhaltens sehr wichtig sein könnten. Die zweite Beschreibung setzt aber auch voraus, dass man genau hinschaut (die Details überhaupt bewusst wahrnimmt). Dazu muss man einerseits sehr aufmerksam sein und andererseits ausreichend Beobachtungszeit zur Verfügung haben.
Im Alltag mit unseren Hunden werden wir uns meistens irgendwo zwischen den beiden Extremen bewegen können. Je mehr Details wir allerdings in kurzer Zeit erkennen und gut beschreiben können, desto besser ist es für eine spätere Interpretation.

Beispiele aus der Hundewelt:

(1) Ein Hund legt sich auf den Rücken und zeigt den Bauch.

Hier interpretieren fast alle Hundemenschen von vornherein, dass der Hund gerne gestreichelt werden möchte. Blieben wir allerdings zunächst beim reinen Beschreiben, dann könnten wir viele Details näher festhalten: wedelt der Hund mit der Rute und wenn ja, welcher Teil der Rute bewegt sich wie schnell und wie ausladend? Wie ist die Muskelspannung am Rest der Körpers? Sind die Augen des Hundes weit offen oder die Lider gesenkt, wie groß sind die Pupillen, ist der Fang geöffnet oder geschlossen, wie wird die Zunge gehalten, und so weiter.

Sehen wir, dass ein Hund die Rutenbasis steif hält, eventuell mit der Schwanzspitze eine minimale und relativ schnelle Wedelbewegung macht, alle vier Pfoten relativ starr angewinkelt hält und eine eher steife Mimik zeigt, werden wir vermutlich nicht zu der Interpretation kommen, dass dieser Hund sich Streicheleinheiten erhofft. Nur durch die vorhergehende Beobachtung und Beschreibung der körpersprachlichen Details ist uns eine besser zutreffende Interpretation möglich. Zum Beispiel, dass dieser Hund sich im Moment eher unsicher fühlt und uns eine beschwichtigende/versöhnende Geste zeigt, um uns freundlich zu stimmen.

(2) Nach einer Maßregelung läuft ein Hund sofort zum Menschen zurück und wedelt mit der Rute.

Eine häufige, schnell geäußerte Interpretation dieser Situation ist, dass die Maßregelung offensichtlich der Beziehung von Hund und Mensch nicht geschadet hat, denn der Hund sucht nachher sofort wieder den Kontakt und wedelt freundlich mit der Rute. Wäre er unsicher, würde er sich eher entfernen.
Wenn wir auch hier zuerst wieder rein beschreibend vorgehen würden, könnten wir darauf achten, wie die Annäherung an den Menschen passiert:  geht der Hund gerade oder in einem Bogen auf den Menschen zu? Läuft er dabei völlig locker oder eher geduckt und angespannt? Wie hält er die Ohren und Rute, sind die Augen geöffnet, blinzeln oder schaut der Hund zur Seite?  In welchem Winkel hält der Hund die Rute, wie ausholend und schnell sind die Wedelbewegungen, und so weiter.
Nur mit dieser vorangegangenen genauen Beschreibung des Beobachteten können wir eine halbwegs korrekte Interpretation über die Emotion des Hundes machen. Die reine Information, dass der Hund sich wieder annähert und mit der Rute wedelt, sind bei weitem nicht ausreichend, um dem Hund Freude beim Kontakt mit dem Menschen zuzuschreiben.

 

„Hündisch“ beurteilen statt Vermenschlichen

Selbstverständlich können Menschen die Welt immer nur mit menschlichen Augen sehen. Und jeder einzelne Mensch ist durch seine eigenen Erfahrungen beeinflusst, die wiederum auch in seine Einschätzung von anderen Lebewesen mit einfießen.
Außerdem teilen sich Hunde und Menschen als höhere Säugetiere viele Gemeinsamkeiten. Es ist daher nicht immer schlecht oder komplett verkehrt, wenn wir zum Beispiel annehmen, dass eine gewisse Verhaltensweise, wie wir sie beim Menschen kennen, bei anderen Tieren genau aus denselben Motivationen oder emotionalen Hintergründen heraus gezeigt wird. Aber wir müssen mit solchen Annahmen vorsichtig sein, denn auch wenn sie manchmal zumindest in einigen Aspekten stimmen, können sie genauso oft auch komplett falsch sein. Die Folgen von so einer Vermenschlichung (Anthropomorphisierung) können für den Hund dann mitunter sehr schnell negativ enden. Und auch für den Menschen birgt es Risiken, wenn zum Beispiel in aggressivem Kontext gezeigte Verhaltensweisen fehlgedeutet werden.

Beispiele aus der Hundewelt:

(1) Wenn ein Hund damit konfrontiert wird, dass er in der Abwesenheit seines Menschen etwas angestellt hat,  fühlt er sich dafür schuldig.

Ein Hund, der nach dem alleine bleiben zum ausgeräumten Müllkübel oder seiner Pinkelpfütze geholt und dort geschimpft wird, wird in vielen Fällen eine „schuldige“ Körpersprache zeigen. Zum Beispiel angelegte Ohren, einen geduckten Kopf, Blinzeln oder auf die Seite schauen oder sogar das oben erwähnte Bauch zeigen. Der Hund reagiert aber in Wirklichkeit rein auf unsere aktuelle Körpersprache und scheltende Stimme, und zeigt dementsprechend beschwichtigende Signale. Er versteht nicht, wofür er bestraft wird, da seine Tat schon mehrere Minuten bis Stunden zurückliegt. Hier nehmen wir also an, dass der Hund die Verknüpfung seines „Vergehens“ mit der aktuellen Bestrafung im selben Maße machen könne, wie ein Mensch. Wird ein Hund regelmäßig mit solchen für ihn unerklärlichen Maßregelungen konfrontiert, wird er zunehmend verunsichert gegenüber seinem Menschen reagieren und weniger Zutrauen finden können.

(2) Ein Hund der sich kratzt, empfindet Juckreiz.

Bei Menschen ist Kratzen meisten tatsächlich eine Reaktion auf Juckreiz, wenngleich es grundsätzlich auch als Ablenkung oder bei Nervosität gezeigt werden kann. Bei Hunden ist es jedoch mindestens genauso häufig (wenn nicht deutlich häufiger) ein Anzeichen von Stress.
Wir stülpen also wieder unsere eigene menschliche Erfahrungswelt auf Hunde über und übersehen dadurch vielleicht wichtige Signale des Unwohlseins.

 

Die naheliegendste Deutung wählen statt Wunschdenken

Dieses Prinzip der Parsimonität (auch Sparsamkeitsregel genannt) findet auch in der Biologie Anwendung.  In Bezug auf hündisches Verhalten oder Körpersprache ist damit gemeint, dass man von mehreren möglichen Erklärungen für das Auftreten eines Verhaltens zunächst immer die einfachste/naheliegendste annehmen sollte, anstatt jene, die einem persönlich vielleicht am besten gefällt.

Ein Beispiel aus der Hundewelt:

Ein Hund kann ein „lachendes Gesicht“ aus unterschiedlichen Gründen zeigen. Er kann gestresst sein, die Mundwinkel nach hinten ziehen und die Maulspalte hechelnd offen halten. Hat ein Hund zu heiß, wird er unter Umständen eine sehr ähnliche Mimik zeigen. Oder er „lacht“ tatsächlich und die Mundwinkel rutschen aufgrund einer lockeren und entspannten Gesichtsmuskulatur nach hinten. Und natürlich kann es auch zu Kombinationen aus den oben genannten Motivationen für die Mimik des „Lachens“ kommen.

Wenn ein Hund also ausgelassen bei 35 Grad über die Wiese hechtet, wird das Grinsen am wahrscheinlichsten durch die Hitze kommen bzw. auch einer Kombination aus Freude und Hitze. Wenn ein allgemein eher sensibler Hund in eine neue Situation gebracht wird, wird das Grinsen am wahrscheinlichsten ein Anzeichen von Stress sein und nicht Freude.

Auch bei diesem Beispiel zeigt sich natürlich, dass das gute Beobachten und Beschreiben von Details sehr hilfreich für eine korrekte Interpretation von Hunden ist. Sieht man, dass die Maulpartie nicht locker sondern angespannt ist, die Adern hinter den Mundwinkeln deutlich hervortreten, die Stirn nicht glatt sondern gerunzelt ist und so weiter, kann man sogar ein leichtes Stressgesicht viel besser von einem echten Grinsegesicht unterscheiden.

 

Kritisches Denken statt blindem Vertrauen

HundetrainerInnen (oder ZüchterInnen, HundesitterInnen und alle anderen Menschen, die sich beruflich mit Hunden außeinandersetzen) haben nicht immer Recht und jeder Mensch kann Fehler machen und Fehleinschätzungen abgeben! Viele KundInnen gehen bei Konsultation einer „Person vom Fach“ davon aus, dass diese deutlich mehr Wissen und Erfahrung hat, als sie selbst und dass der Einschätzung solcher Personen daher automatisch mehr Gewicht zukommen sollte, als der eigenen. Dabei ist das Hundetrainergewerbe in Österreich nach wie vor komplett ungeregelt und jede beliebige Person kann ein Gewerbe als HundetrainerIn anmelden. Auch ohne jemals einen eigenen Hund gehabt zu haben oder jegliches Fachwissen mitzubringen, wäre dies also möglich. In Deutschland gibt es zwar mittlerweile eine Prüfung als Voraussetzung für das Betreibens eines Gewerbes im Hundesektor, doch leider hat sich in der Praxis gezeigt, dass das Bestehen der Prüfung nicht zwingend eine hohe Qualität des Hundetrainings vorhersagt.

Auch wirklich professionell und mit modernen Methoden arbeitende HundetrainerInnen sind niemals restlos davor gefeit, eine Fehleinschätzung zu machen. Als HundehalterIn ist es also IMMER gut, kritisch mitzudenken, Dinge zu hinterfragen und direkt anzusprechen, wenn man Zweifel oder Bedenken hat, diesen oder jenen Vorschlag bei seinem eigenen Hund umzusetzen. Ein guter Trainer bzw. eine gute Trainerin wird in der Lage sein, ihre eigene Expertenmeinung jederzeit kritisch zu hinterfragen und wird  mögliche Bedenken des Menschen hinter dem Hund immer ernst nehmen und niemals ins Lächerliche ziehen, ignorieren oder mit einem „das ist aber so“ vom Tisch wischen.

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